11.602 tägliche Symptombewertungen von 104 Kindern und Jugendlichen: Eine Langzeitstudie der Medizinischen Universität Innsbruck zeichnet ungewöhnlich detailliert nach, wie sich krebsbedingte Fatigue während einer intensiven Therapie verändert. Die Ergebnisse wurden am Wochenende erneut aufgegriffen. Für die Versorgung ist vor allem eine Erkenntnis relevant: Fatigue verläuft nicht bei allen jungen Patientinnen und Patienten gleich. Diagnose, Therapie und Behandlungsphase beeinflussen die Belastung deutlich.

Das eröffnet die Möglichkeit, besonders belastende Phasen früher zu erkennen und unterstützende Maßnahmen gezielter zu planen. Gleichzeitig gilt: Die Untersuchung zeigt Zusammenhänge, beweist aber noch nicht, dass ein bestimmtes Bewegungsprogramm die Fatigue wirksam reduziert.

Fatigue ist mehr als gewöhnliche Müdigkeit

Krebsbedingte Fatigue kann körperliche, kognitive und emotionale Komponenten umfassen. Schlaf allein bringt häufig keine ausreichende Erholung. Bei Kindern und Jugendlichen kann sich das im Praxisalltag unterschiedlich zeigen: Ein Kind beteiligt sich kaum noch am Unterricht, ein Jugendlicher zieht sich zurück oder alltägliche Wege werden plötzlich zu anstrengend.

Solche Veränderungen können durch die Tumorerkrankung, die Behandlung oder Begleiterkrankungen beeinflusst werden. Deshalb sollte eine zunehmende Erschöpfung nicht vorschnell als unvermeidbare Nebenwirkung eingeordnet werden. Sie gehört strukturiert erfasst und differentialdiagnostisch bewertet.

Digitale Abfrage macht Belastungsspitzen sichtbar

Für die prospektive ePROtect-Studie wurden von Mai 2020 bis Dezember 2024 insgesamt 104 Krebspatientinnen und -patienten bis zum Alter von 18 Jahren begleitet. Alle erhielten eine Chemotherapie. Die Betroffenen oder ihre Bezugspersonen dokumentierten die Symptome täglich über eine App. Die Fatigue wurde auf einer Skala von 0 bis 100 erfasst. Niedrige Werte standen für eine stärkere Belastung.

Die Daten zeigen deutliche Unterschiede. Zum Zeitpunkt der Diagnose war die Fatigue bei Kindern und Jugendlichen mit Non-Hodgkin-Lymphom sowie akuter myeloischer Leukämie am stärksten ausgeprägt. Bei ZNS-Tumoren lagen die Werte zu diesem Zeitpunkt deutlich höher, was in der verwendeten Skala einer geringeren Belastung entsprach.

Auch der Therapieverlauf spielte eine Rolle. Eine stärkere Fatigue war mit der Gabe von Glukokortikoiden verbunden, besonders bei akuter lymphoblastischer Leukämie in steroidintensiven Phasen. Unter Immuntherapien beobachteten die Forschenden dagegen eine Verbesserung. Bei ungeplanten stationären Aufenthalten nahm die Belastung zu; während ambulanter Behandlungsphasen fiel sie geringer aus.

Was Arztpraxen daraus ableiten können

Die onkologische Behandlung liegt in spezialisierten Zentren. Haus- und kinderärztliche Praxen bleiben dennoch wichtige Ansprechpartner, etwa bei unspezifischen Beschwerden, in der Nachsorge oder bei der Koordination weiterer Unterstützung.

Drei Punkte sind für den Praxisalltag besonders relevant:

  1. Fatigue regelmäßig und vergleichbar erfassen: Eine kurze standardisierte Abfrage über mehrere Termine hinweg ist aussagekräftiger als die einmalige Frage, ob das Kind müde sei. Entscheidend sind Verlauf, Alltagsfunktion und Abweichungen vom individuellen Ausgangswert.
  2. Belastende Therapiephasen berücksichtigen: Bei steroidintensiven Abschnitten kann eine engmaschigere Beobachtung sinnvoll sein. Neue oder deutlich zunehmende Beschwerden sollten mit dem behandelnden kinderonkologischen Zentrum abgestimmt werden.
  3. Bewegung individuell planen: Körperliche Aktivität sollte nicht pauschal empfohlen werden. Trainingsart, Intensität und Aufsicht müssen zum Alter, zur Diagnose, zum Therapiestatus und zu möglichen Kontraindikationen passen.

Gerade digitale Symptomtagebücher können die Anamnese ergänzen. Sie zeigen nicht nur einen Momentwert, sondern einen Verlauf. Voraussetzung ist, dass die Daten übersichtlich in den Behandlungsprozess einfließen. Eine zusätzliche App ohne klare Zuständigkeit schafft sonst eher Arbeit als Nutzen.

Bewegung ist vielversprechend – die Evidenz bleibt differenziert

Auf Grundlage der Innsbrucker Verlaufsdaten wurden Kinder in Phasen zunehmender Fatigue in einem Pilotprojekt mit gezielten Bewegungs- und Kraftübungen unterstützt. Eine klinische Interventionsstudie soll nun prüfen, wie wirksam strukturierte Programme tatsächlich sind.

Die bisherige Studienlage spricht dafür, Bewegung in der pädiatrischen Onkologie ernst zu nehmen. Ein aktuelles internationales Expertengremium kommt nach Sichtung von mehr als 12.000 Publikationen zu dem Schluss, dass individuell angepasstes und beaufsichtigtes Training während und nach der Krebstherapie grundsätzlich sicher durchführbar ist. Für Muskelkraft und körperliche Funktion liegt Evidenz mittlerer Qualität vor. Empfohlen werden je nach individueller Situation kombinierte Ausdauer- und Krafteinheiten zwei- bis dreimal pro Woche über mindestens acht Wochen.

Für die Fatigue selbst ist die Aussage weniger eindeutig. Eine Metaanalyse von 17 randomisierten Studien fand Verbesserungen der kardiovaskulären Fitness und Muskelkraft, aber keinen statistisch gesicherten Gesamteffekt auf Fatigue. Das widerspricht dem Bewegungsansatz nicht. Es zeigt vielmehr, dass Nutzen, Ziel und Belastbarkeit für jedes Kind sorgfältig bestimmt werden müssen.

Die Grenzen der neuen Daten

Die Innsbrucker Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie an einem einzelnen Zentrum. Sie kann Zusammenhänge beschreiben, aber keine Kausalität belegen. Zudem lag die mediane Quote vollständig beantworteter täglicher Abfragen bei 56,1 Prozent. Fehlende Einträge können die Ergebnisse beeinflusst haben.

Auch die berichteten positiven Erfahrungen mit Krafttraining stammen zunächst aus einem Pilotprojekt. Bevor daraus ein Standard für die Behandlung von Fatigue abgeleitet werden kann, braucht es belastbare Ergebnisse aus kontrollierten Interventionsstudien.

Fazit: Verlauf statt Momentaufnahme

Die neue Auswertung macht deutlich, wie unterschiedlich krebsbedingte Fatigue bei Kindern und Jugendlichen verläuft. Für die Versorgung bedeutet das: Beschwerden sollten strukturiert, wiederholt und im Zusammenhang mit Diagnose und Therapiephase betrachtet werden. Digitale Erfassung kann dabei helfen, wenn sie sinnvoll in die Abläufe eingebunden ist.

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Quellen